Die Preisträgerin und Ehrungen 2024

DEUTSCHER TANZPREIS 2024

Sasha Waltz

 

Jurybegründung

Für ihre internationale Strahlkraft, ihr Engagement für die Strukturen der freien Tanzszene und allem voran für ihr künstlerisch einmaliges und Disziplinen-sprengendes Gesamtwerk wird Sasha Waltz von der Jury mit dem Deutschen Tanzpreis 2024 ausgezeichnet. 

Als Tänzerin, Choreografin und Regisseurin, deren Lebens- und Arbeitsmittelpunkt in Berlin verortet ist, hat sie mit ihrer Kunst die Entwicklung des zeitgenössischen Tanzes seit Beginn der neunziger Jahre maßgeblich mitgeprägt. Dabei hat sie ihre unverwechselbare choreografische Handschrift und ihren ästhetischen Zugriff bis heute weiterentwickelt. Sasha Waltz ist unbestritten national und international eine der renommiertesten Künstlerinnen im Bereich des Tanzes in Deutschland.

Das umfangreiche Werk von Sasha Waltz umfasst verschiedene Schaffensperioden: die frühen intimen, erzählerisch-humoristischen Stücke, die sie in den neunziger Jahren an den Sophiensaelen entwickelte, genauso wie die großen, imposanten, ganz auf die Beziehungen von Körper und Raum fokussierten Tanzproduktionen an der Schaubühne Berlin Anfang der 2000er Jahre. Dem folgten die Auseinandersetzungen mit der Kunstgattung Oper, die zu einem neuen Genre, der ‚choreografischen Oper‘ führten. Nicht nur in ihren Raumerkundungen im Rahmen der Dialoge-Projekte hat sie Künstler*innen verschiedener Disziplinen in den Austausch gebracht, sondern durch ihr gesamtes Œuvre zieht sich ihre intensive Forschung zu neuen Beziehungen zwischen bildender Kunst und Tanz sowie zeitgenössischer Musik und zeitgenössischem Tanz hindurch. In jüngeren Experimenten kreiert sie Stücke, die sowohl von professionellen als auch nicht ausgebildeten Tänzer*innen getanzt werden können. Mit all‘ diesen unterschiedlichen Ansätzen hat sie sowohl den zeitgenössischen Tanz bereichert als auch die Entwicklung anderer Kunstgattungen maßgeblich mit beeinflusst. 

In enger Zusammenarbeit mit ihrem Lebens- und Arbeitspartner Jochen Sandig hat sie dem Tanz immer wieder neue Räume erschlossen u.a. durch die Gründung der Sophiensæle (1996) und des Radialsystems (2006) und national sowie international neue Publika für den Tanz gewonnen. Mit ‚Sasha Waltz & Guests‘ wurde eine Kompaniestruktur geschaffen, die der Künstlerin große internationale Kooperationen genauso ermöglicht wie das Experimentieren mit neuen Formen und in der auch Tänzer*innen der Kompanie in ihrer Kreativität gefördert werden. 
 

Biografie Sasha Waltz

 

EHRUNG FÜR HERAUSRAGENDE ENTWICKLUNG IM TANZ

explore dance – Netzwerk Tanz für junges Publikum

 

Jurybegründung

Die Jury des Deutschen Tanzpreises zeichnet die Arbeit des Netzwerks explore dance in der Kategorie Ehrung für herausragende Entwicklung im Tanz aus. Seit nicht einmal 6 Jahren entwickelt das Netzwerk explore dance bundes-länderübergreifend Formate, die zeitgenössischen Tanz als Kunst und kulturelle Praxis auf der Bühne und in Vermittlungsprojekten an ein junges Publikum richten. Ihr eigener Auftrag lautet, „die noch immer bestehende Leerstelle im Kultur-angebot für Kinder und Jugendliche in Deutschland zu schließen“.

Bis 2021 zählten zu den Knotenpunkten des Netzwerks die drei Partnerinnen fabrik moves in Potsdam, Fokus Tanz | Tanz und Schule e.V. in München, und K3 Tanzplan Hamburg. Im Jahr 2022 erweiterte sich das Netzwerk um HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste. Gefördert wird explore dance durch den Bund und die beteiligten Länder, ein hervorragendes Beispiel für einen TANZPAKT Stadt-Land-Bund.

Mit einem vielfältigen Angebot zu Themen von Freundschaft bis Physik gestaltet das Netzwerk an verschiedenen Orten, z. B. auch in Kindergärten und Schulen, Räume zum Erleben von zeitgenössischem Tanz und den darin verhandelten gesellschaftsrelevanten Fragen. Dies findet nicht nur im Rahmenspielplan der Projektpartner*innen statt. Jedes Jahr werden alle Uraufführungen der jeweiligen Spielzeit in einem oder mehreren Festivals gebündelt gezeigt. 

Es sind Formate wie das Mobile Pop UP, mit denen explore dance über sein Grundanliegen hinausgeht, Kinder und Jugendlichen Kunst über das Performative anzubieten, ihnen Wahrnehmungsmodi vorzustellen und sie als Publikum ernst zu nehmen. 

Nicht nur die Tanzvermittlung durch die Unterstützung von Pädagog*innen in Netzwerken vor Ort, oder durch ein eigenes Magazin, das Journal, stehen im Fokus von explore dance. Auch das Touringsystem, das es den einzelnen Mitgliedern erlaubt, ihre Arbeiten deutschlandweit zu zeigen, ist eine besondere Stärke des Netzwerks. Somit bewegt sich der Zeitgenössische Tanz auf das junge Publikum aktiv zu, denn es ist ein Publikum, das nicht in derselben Weise wie erwerbstätige Erwachsene zu Festivals, Galas, oder bekannten Spielstätten reisen kann. 

Netzwerke sind Konstellationen ohne Zentrum. Ein Netzwerk, das bundesländerübergreifend wirken möchte, benötigt starke Knotenpunkte – und ein Durchhaltevermögen, diese nachhaltig und dauerhaft zu bespielen und zu pflegen. Genau das schafft explore dance – multidirektional, seit 6 Spielzeiten, an mehreren Stätten, mit vielen kreativen Körpern und Köpfen – für ein großes Publikum aus Kindern und Jugendlichen. 
 

Informationen zum Netzwerk

 

EHRUNG FÜR DAS LEBENSWERK

Dieter Heitkamp

 

Jurybegründung 

Dieter Heitkamp erhält von der Jury die Ehrung für sein Lebenswerk im Rahmen des Deutschen Tanzpreises 2024. 

Dieter Heitkamp ist ein Gesamtkunstwerk. Er bewegt sich kraftvoll in verschiedenen Bereichen des künstlerischen Schaffens: als Tänzer, Choreograf, Pädagoge, Regisseur, Mentor, bildender Künstler, Fürsprecher junger Tänzer*innen, vielleicht gibt es noch mehr? 

In den letzten 45 Jahren war Dieter Heitkamp wunderbar energetisch, prägnant und dynamisch für die Transformation und Entwicklung des zeitgenössischen Tanzes in Deutschland mit verantwortlich.

Eine seiner Errungenschaften für die Tanzgeschichte ist es, die Kontaktimprovisation (Contact Improvisation – CI) in die deutsche Tanzszene einzuführen. Seit 1977 lernte Dieter Heitkamp CI und begann zwei Jahre später, CI auch in Deutschland zu unterrichten, während er gleichzeitig die Tanzfabrik in Berlin mitgründete und Co-Direktor war. 

In den folgenden 19 Jahren zwischen 1979 und 1998 trug seine vitale Dynamik dazu bei, CI und zeitgenössischen Tanz in der Stadt Berlin und auf nationaler Ebene zu verbreiten. Choreografieren, unterrichten, Regie führen, Kunst machen, Mentoring, Politik verändern, das waren und sind Dieter Heitkamps Aktivitäten.

Das Jahr 1998 markierte den Beginn seiner Frankfurter Phase an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst - HfMDK, zunächst als Vertretungsprofessor, dann ab 2001 als Leiter der Tanzabteilung. Dieter Heitkamp verwandelte die weitgehend klassische Tanzabteilung, die kurz vor der Schließung stand, in ein hochmodernes Programm für zeitgenössischen Tanz, in dem lokale Ressourcen und Gäste miteinander verwoben sind, und machte sie zu einer hoch angesehenen Institution für zeitgenössische Tanzausbildung. Im Jahr 2023, ging Dieter Heitkamp nach 25 Jahren an der HfMDK in den Ruhestand.

Dieter Heitkamp ist eine treibende Kraft im deutschen Tanz. Er initiierte zahllose Programme, Formate und Aufführungen und ist ein unermüdlicher Künstler und Pädagoge, der junge Tänzer*innen unterstützt und ermutigt, flexibel, kreativ und offen für lebenslange Lernprozesse zu sein.
 

Biografie Dieter Heitkamp