
Jurybegründung
Das Leben einer Romanfigur verfolgen, ihre Schwächen wie Stärken beobachten und ihren Stationen einen Bühnenboden bereiten – dies tat Christian Spuck 2023 mit Bovary, seiner ersten Inszenierung mit dem Staatsballett Berlin.
Im Ballettsaal wurde Flauberts Roman Madame Bovary gelesen, wurden Fragen nach dem „Wie im Raum“ entfaltet. Die Titelrolle vertraute Spuck Weronika Frodyma an, für die Bovary dann 2024 zum Sprungbrett wurde: Aufstieg zur Ersten Solistin und Auszeichnung als Tänzerin des Jahres in der Zeitschrift Tanz.
Schon bevor Christian Spuck das Staatsballett Berlin als Intendant übernahm, kannte ihn das Publikum in Stuttgart, Zürich und weltweit den Choreografen als musikversierten Tanzschaffenden. Christian Spuck wurde ausgebildet in der John Cranko-Tradition, sammelte zugleich Erfahrungen in der zeitgenössischen Bewegungssprache, etwa bei Anne Teresa De Keersmaeker, hat sich als Choreograf an zahlreichen Häusern etabliert, arbeitete mit Erfolg als Opernregisseur großer Komponisten von Barock bis Gegenwart und wurde als Direktor des Balletts Zürich gefeiert.
Mit jedem Intendanz-Wechsel stellt sich die Grundfrage eines ganzen Hauses: Was wird sich verändern? Was wird bleiben? Vor allem: wie? In Berlin wählte Christian Spuck einen sympathischen Weg, der das Publikum zurück in die Säle lockte und der Berliner Companie die Chance auf einen Stilwechsel ermöglichte: Als Künstler und Advokat der Künste zugleich vermochte Spuck das Staatsballett Berlin mit abwechslungsreichem Spielplan und neuen Formaten der Begegnung mit Kunstschaffenden und Zuschauenden gestalten und das lange Bekannte mit noch Ungewissem zu verbinden. Zugleich gehen neue Dialogformate mit Publikum und Künstler*innen Fragen nach dem Unbehaglichem auf den Grund.
Spuck bleibt im Gespräch, im Dialog mit Menschen. Diesen Weg gestaltet und geht er mit dem Gespür eines Tänzers, der Neugier eines Choreografen und dem Weitblick eines Intendanten.
Für seinen mutigen, klaren, anhaltenden, und darin herausragend erfolgreichen Neustart mit dem Staatsballett Berlins verleiht die Jury Christian Spuck mit Freude den Deutschen Tanzpreis!

Jurybegründung
Gabriele Brandstetter ist zweifellos die Pionierin der Tanzwissenschaft. Als ihr großer, international anerkannter Verdienst gilt die Etablierung des Faches als eigenständige universitäre Disziplin.
Ausgebildet in Theater- und Literaturwissenschaft hat sie sich dem Tanz bereits früh aus einer interdisziplinären Perspektive gewidmet. In ihrer Arbeit bezieht sie stets Aspekte aus Theater-, Musik-, Kunst- und Literaturwissenschaft aufeinander und kultiviert auf diese Weise ein Fächergrenzen übergreifendes und überwindendes Denken mit dem Tanz im Zentrum.
Die Stationen ihrer beeindruckenden Laufbahn sprechen für sich: Auf die Professuren an den Universitäten Gießen und Basel folgte ein Ruf an das Institut für Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin. Dort hat sie 2003 den deutschlandweit ersten Masterstudiengang Tanzwissenschaft gegründet – mit einer dezidiert kulturwissenschaftlichen Ausrichtung sowie das Zentrum für Bewegungsforschung. Gabriele Brandstetter hat unzählige Kooperationen zwischen Tanz, Kunst und Wissenschaft initiiert, internationale Gastprofessuren angenommen und ist Trägerin hochkarätiger Preise (darunter das Bundesverdienstkreuz).
In ihren Publikationen, aber auch in den von ihr verantworteten Forschungsprojekten, Ausstellungen, Tagungen und Festivals gerinnt der Tanz niemals zu bloßer Theorie; immer bleibt er lebendige Bewegung. Präzise Anschauung, genaueste Beobachtung und der Austausch zwischen Künstler*innen und Wissenschaftler*innen auf Augenhöhe kennzeichnen Gabriele Brandstetters Zugang zum Tanz.
Für den letzten Punkt steht u.a. maßgeblich die von ihr, in Kooperation mit der AdK und dem DAAD, initiierte Einrichtung der Valeska Gert Gastprofessur an der FU Berlin, bei der Studierende seit 20 Jahren die Gelegenheit erhalten, für ein Semester eng mit bekannten Tanzkünstler*innen zusammenzuarbeiten und damit ihre theoretischen Überlegungen an der Praxis zu schulen.
Gabriele Brandstetter hat das Denken – nicht nur, aber vor allem über den Tanz – buchstäblich in dynamische Bewegung(en) gebracht und hat damit den Wissenschaftsbegriff insgesamt verändert und erweitert. Der zentrale Platz, den die Tanzwissenschaft im Reigen der Kunst- und Geisteswissenschaften im Laufe der Jahrzehnte erhalten hat, ist untrennbar mit ihrer Person verbunden. In diesem Sinne würdigt die Jury des Deutschen Tanzpreises Frau Professor Gabriele Brandstetter mit der Ehrung für herausragende Entwicklungen im Tanz.
Biografie Gabriele Brandstetter

Jurybegründung
Das Leben von Tadashi Endo ist tief verbunden mit dem Butoh-Tanz. Tadashi Endo ist ein großer Meister dieses Tanzes. Butoh ist Ausdruckstanz, radikal und expressiv und wurde in den 1950er Jahren in Japan von Tatsumi Hijikata und Kazuo Ohno begründet. Butoh ist nicht auf feste Formen oder Techniken beschränkt, sondern betont die emotionale Verbindung des Tänzers mit seinem Körper und der Welt, die im Moment des Tanzes entsteht.
Nach dem Studium am Max-Reinhard-Seminar in Wien arbeitete Tadashi Endo an verschiedenen deutschen Theaterhäusern. Bald jedoch suchte er eine Freiheit des Theaterschaffendes, die er schließlich in der Begegnung mit Kazuo Ono fand.
MA ist "die Leere", sind "das zwischen den Dingen", ein „in between“, das Tadashi Endo in sehr feinen Verwandlungen sichtbar werden lässt und welches er mit äußerster Konzentration und Körperbeherrschung ausstrahlt. Das alles lässt seinen Tanz zu einer Darstellung der unbewegten Bewegung werden. Sein Körper ruht, obwohl er tanzt. Er tanzt nicht - er wird getanzt.
So artifiziell sein Tanz ist, so eng verbunden ist Tadashi Endo mit der Welt, in der wir leben. Seine Stücke handeln von der Pandemie, vom Krieg, von den Ertrinkenden im Mittelmeer. Sie handeln von der Suche nach der Seele der Menschheit, von menschlicher Verbundenheit, vom Weg zu einer großen Gemeinschaft.
Diese Botschaft der Stärke und Zerbrechlichkeit des Menschlichen hat Tadashi Endo auf die Tanz-, Theater- und Opernbühnen getragen. In Deutschland wurde er einem großen Publikum in „Kirschblüten-Hanami“ von Doris Dörrie bekannt.
Tadashi Endo ist ein großer Meister und Lehrer des Butoh. Mit seinem MAMU Festival und dem Butoh Centrum MAMU hat der Tanz in Deutschland Raum und Wahrnehmung, eine Heimat und ein Zentrum gefunden. Von hier aus hat er Tänzer*innen und Tänzer in Deutschland und Europa inspiriert und seine Kunst in die Welt getragen.
Für dieses herausragende Wirken in der Tanzszene verleiht die Jury des Deutschen Tanzpreises Tadashi Endo posthum die Ehrung für das Lebenswerk.