Die Preisträgerin und die Ehrungen 2027

DEUTSCHER TANZPREIS 2027

Rafaële Giovanola / CocoonDance

Jurybegründung

Die Jury freut sich, den Deutschen Tanzpreis an Rafaële Giovanola zu verleihen – in Anerkennung von 25 Jahren außergewöhnlicher künstlerischer Leistungen und ihres wegweisenden Beitrags zum zeitgenössischen Tanz.

Als Rafaële Giovanola und ihr Partner Rainald Endraß im Jahr 2000 zum Avignon Off Festival eingeladen wurden, benötigte ihre Compagnie einen Namen. Zu dieser Zeit entwickelte sie eine Performance für einen Garten, bei der Stoff um den Körper gewickelt wurde, was sie an einen Kokon erinnerte. So entstand die CocoonDance Company. Seitdem verfolgt Rafaële Giovanola einen kompromisslosen künstlerischen Weg und fordert konsequent bestehende Vorstellungen von Körperlichkeit, menschlicher Präsenz und zwischenmenschlichen Beziehungen heraus.

Was ihre Arbeit unverwechselbar macht, ist ihre außergewöhnliche Ausdauer bei der Beobachtung und Erforschung eines einzelnen Themas. Ihre unermüdliche Neugier und ihre Fähigkeit, unterschiedliche und ungewohnte Bewegungspraktiken miteinander zu verbinden, lassen kaleidoskopartige Wesen entstehen: Figuren, die zwischen Mensch und Insekt, Pflanze und Avatar oder Maschine existieren – magische Geschöpfe, wie man sie zuvor noch nicht gesehen hat. Sie fühlt sich dort zuhause, wo nach einem Körper gesucht wird, der noch nicht existiert.

In den Jahren 2004/2005 wurde der Ballsaal in Bonn zur Heimat von CocoonDance. Seitdem hat Rafaële Giovanola dort nahezu 50 Werke geschaffen – zunächst im Rahmen des Ballsaals und seit 2020 zudem als Associate Artist am Théâtre du Crochetan in der Schweizer Alpenstadt Monthey, ihrer Heimatstadt. In beiden Städten entwickelte sie Bildungsformate mit Nachwuchskompanien, bei denen jede und jeder willkommen ist. Dies spiegelt ihr Engagement wider, junge Menschen für den Tanz zu begeistern, ihnen Zugang zu dieser Kunstform zu ermöglichen und Tanz für alle zugänglich zu machen. Aus demselben Anliegen heraus entstand auch die MoveApp. 

Wie der Name ihrer Compagnie bereits andeutet, hat sie sich innerhalb der Tanzwelt ihren eigenen Kokon geschaffen.

Die Jury würdigt Rafaële Giovanola nicht nur für ihr herausragendes Gesamtwerk, sondern auch für ihren nachhaltigen Einfluss auf den zeitgenössischen Tanz. Ihr künstlerisches Vermächtnis inspiriert kommende Generationen und bereichert das Tanzschaffen durch Fantasie, Konsequenz und Originalität.
 

Biografie Rafaële Giovanola

 

EHRUNG FÜR DAS LEBENSWERK 2027

Martin Schläpfer

 

Jurybegründung

Tänzer, Pädagoge, Choreograf, Ballettdirektor – Martin Schläpfer hat sein Leben dem Tanz gewidmet. 
Ob als Tänzer in Basel unter Heinz Spoerli oder als Chefchoreograf und Ballettdirektor im Stadttheater Bern, beim ballettmainz des Staatstheaters Mainz, bei der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf und Duisburg sowie beim Wiener Staatsballett – stets entwickelte Martin Schläpfer künstlerische Expression auf höchstem Niveau. Mit diesem Ringen, Suchen und Gestalten hat er als Tänzer beeindruckt und die Ballettcompagnien, mit denen er als Choreograf und Direktor arbeitete, zur Exzellenz geführt.

Die klassische Technik zu pflegen, ist ihm genauso anliegen wie, hieraus eine eigene Bewegungssprache zu entwickeln. Der Einsatz des Spitzenschuhs ist nur ein Beispiel, wie klassische Technik und Vokabular reflektiert und neu in die choreografische Suche nach Gegenwart gestellt werden. Martin Schläpfer prägte Generationen von Tänzer*innen, die sich der Zeit aussetzen, sich „in den Wind stellen“, leidenschaftlich einbringen und zugleich von sich selbst abstrahieren.

Über Jahrzehnte hat Martin Schläpfer fast ohne Rast seine Kreationen auf die Bühne gebracht. Sein choreographisches Schaffen umfasst über 80 Werke, die für seine Ensembles entstanden. Außerdem Uraufführungen für das Bayerische Staatsballett München, Het Nationale Ballet Amsterdam und das Stuttgarter Ballett. 

Die Doppelrolle als Choreograf und Direktor sah er als notwendige Verknüpfung – um die Strukturen für die Kunst gestalten zu können, um Entwicklungen zu ermöglichen. Martin Schläpfer hat nicht nur die Ensembles, mit denen er arbeitete, in ihrer Sichtbarkeit und ihren Strukturen gestärkt. Mit der Initiative für das Ballettzentrum der Oper am Rhein Düsseldorf/Duisburg (erbaut 2013/14) hat er ein besonderes Zeichen gesetzt – für die Zukunft des Balletts und für zeitgemäße Arbeitsbedingungen im Tanz. 

Als er im Juni 2025 seine Direktion für das Wiener Staatsballett beendete, konnte Martin Schläpfer auf 50 Jahre Tanzschaffen zurückblicken, davon 31 Spielzeiten ununterbrochen als Ballettdirektor. Der gebürtige Schweizer hat die Tanz- und Ballettlandschaft in Deutschland in außerordentlicher Form geprägt und verändert – in der künstlerischen Entwicklung wie in den institutionellen Strukturen. 

Die Jury des Deutschen Tanzpreis würdigt Martin Schläpfer mit der Ehrung für das Lebenswerk.

 

Biografie Martin Schläpfer 

 

 

EHRUNG ALS HERAUSRAGENDE INTERPRETIN 2027

Joy Alpuerto Ritter

 

Jurybegründung 

Wer versucht, eine Kategorie für Joy Alpuerto Ritters tänzerische Qualität, Ausdruckskraft, und Wirkungsstätten zu finden, wird scheitern. Sie überzeugt nicht nur in eigenen Arbeiten oder den Stilen und Companien anderer, sondern auch als Workshopleiterin und Vermittlerin in Communites. Die in Los Angeles geborene, in Freiburg aufgewachsene und dort mit Kulturtechniken wie dem philippinischen Volkstanz mütterlicherseits begleitete Tänzerin schwebt über Stilgrenzen. Ihr Tanzdiplom legte sie an der Palucca Schule in Dresden ab. Ihr künstlerischer Weg führte sie zur Zusammenarbeit mit Choreograf*innen wie Christoph Winkler, Constanza Macras, Yui Kawaguchi. Ihre Praxis erweiterte sie um das Teilnehmen an Tanzbattles und deren Regelwerk wie Ästhetik und ist daher mit der Voguing-Szene sowie der Hip-Hop Szene eng verbunden. Der Erfolg ihres Schwebens zwischen den Stilen zeigt sich insbesondere in Engagements wie jenem am Cirque du Soleil, als Tänzerin und Luftartistin für die Michael Jackson Immortal World Tour, als Choreographin für Falling / in Love des Friedrichstadtpalasts Berlin, oder im Engagement mit der weltweit tourenden Akram Khan Company. 

Wie tanzt Joy Alpuerto Ritter in ihrer eigenen Handschrift? In ihrer Arbeit Oz – der Zauber in uns (2025) für das Theater Junges Tanzhaus in Berlin tanzt sie den Löwen – und tapst zaghaft, nach Mut suchend über die Bühne. Im Stück Babae (2022) bringt sie Mary Wigmans Hexentanz auf die Bühne – und katapultiert die Tanzikone mit einem choreografischen Kommentar, aus Voguing und traditionellem philippinischem Tanz ins 21. Jahrhundert. 

Joy Alpuerto Ritter ist eine Grenzgängerin, die mühelos Genre, Bühnen und Wirkungsbereiche wechselt, kommentiert, bedient oder verschmelzen lässt, immer mit ihrer Handschrift: der kraftvollen Leichtigkeit. Mit Freude und Anerkennung für ihr Wirken zeichnet die Jury des Deutschen Tanzpreises 2027 Joy Alpuerto Ritter daher mit der Kategorie „Ehrung als herausragende Interpret*in“ aus. Gratulation.

 

Biografie Joy Alpuerto Ritter