POSITIONEN:TANZ#4 Zugänge schaffen – DIVERSITÄT

Eine kritische Bestandsaufnahme von Machtstrukturen im Tanz, 21.-23. Oktober 2021

Hybrides Symposium 

Das letztjährige Symposium „POSITIONEN:TANZ#3 – QUALITÄTEN“ des Dachverband Tanz Deutschland (DTD) lehrte uns vieles und vor allem eines: Die internationale Tanzszene mag divers erscheinen, braucht aber noch ein gutes Stück mehr Bewusstsein, weitere Sensibilisierung und Veränderung in Sachen Vielfalt.

Eine immanent weiße Vorherrschaft dominiert hier wie in anderen gesellschaftlichen und kulturellen Bereichen. Deshalb hat der DTD entschieden, sein Leitbild und seine Strukturen weiterzuentwickeln, um Zugang, Vielfalt und Ausgewogenheit zu ermöglichen, sowohl für seine institutionelle Identität, als auch für sein öffentliches Engagement. Parallel zu vielen notwendigen Veränderungen, die durch einen kritischen Diskurs des DTD zu seinen eigenen Abläufen und internen Dynamiken schrittweise umgesetzt werden, widmet sich das Symposium unter dem Dachthema "Zugänge schaffen" ganz der Diversität. Nächstes Jahr werden wir uns mit einem weiteren dringenden Thema beschäftigen, das auch in der Tanzszene noch vernachlässigt wird: die Inklusion.

Das Symposium „POSITIONEN:TANZ#4 Zugänge schaffen – DIVERSITÄT“ wird mit einem Kurator:innenteam, bestehend aus Nora Amin (Hauptkuratorin), David Kono und Mey Seifan, bereits aus einer vielfältigen und nicht-traditionellen Perspektive konzipiert und kuratiert. Ziel ist es, Bewusstsein zu schaffen, versteckten oder missverstandenen Rassismus aufzudecken und sich mit Körperbildern sowie kulturell geprägten Ansichten über Tanz auseinanderzusetzen.

In diesem Jahr schlägt das Symposium einen Ansatz vor, der in der Schnittmenge zwischen der Darstellung der Tanzgeschichte, den Bildern und Definitionen des tanzenden Körpers sowie der Tanzpädagogik in all ihren Formen angesiedelt ist.

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    Mit diesem Ansatz verbindet sich die Idee, jede der drei Ebenen für den Dialog mit der anderen zu öffnen. Wie werden diskriminierende Strukturen und deren Intersektionen durch die Art und Weise, wie Tanzgeschichte erzählt wird, nicht aufgebrochen, sondern im Gegenteil noch gestärkt? Auf welche Weise wird Rassismus in Bildern, Begriffen und Definitionen des Tanzkörpers normalisiert und reproduziert? Wie können wir lernen, diese diskriminierenden Wahrnehmungen in der Tanzpädagogik und in der Ausbildung zu reflektieren und nicht weiterzugeben? 

    Es ist höchste Zeit, die verschiedenen Felder zu adressieren, in denen sich Dynamiken von Diskriminierung, Ausschluss und Ungerechtigkeit gegenseitig verstärken. Und wenn diskriminierende Strukturen noch dadurch gestützt werden, dass sich die einzelnen Bereiche des Tanzbetriebs voneinander entfernen und zerstreuen, dann verstehen wir es als eine Geste des Widerstands gegen diese Strukturen, unser Wissen und unsere kreative Kritik miteinander zu teilen, um das fragmentierte Feld des Tanzes mit einem heilenden Blick zu analysieren – und zwar von einem kritischen Standpunkt aus. 
    Für die Beschäftigung mit Fragen von Zugängen und Diversität ist ein Bewusstsein notwendig –  für historisch gewachsene Hindernisse und wie sie sich gegenseitig unterstützen und durch alle Systeme der Wissensvermittlung ziehen. Tanz ist ein Teil dieser Systeme, in dem repräsentativ die Auswirkungen von Diskriminierung sowie deren Verflechtungen und Überschneidungen sichtbar werden – oder auch erst sichtbar gemacht werden müssen.

    Wir nähern uns den drei Themen intersektional. Jedes Thema berücksichtigt die anderen Themen und formuliert sie neu. Alle Themen sind innerhalb des Tagesprogramms und über die drei Tage hinweg miteinander verwoben. Wir schaffen dafür gemeinsam einen Raum, in dem freundliche und unkonventionelle Begegnungen stattfinden, die über das gemeinsame Hören von Vorträgen hinauswachsen und öffnen die Beiträge für interaktive, partizipative, kreative und performative Formate.

    „POSITIONEN:TANZ#4 Zugänge schaffen – Diversität“ zielt darauf ab, Stimmen zum Sprechen zu bringen, die im Tanzdiskurs selten gehört werden und nicht-elitäre Perspektiven zu stärken. Gleichzeitig wollen wir einen kritischen Diskurs aus der Sicht von Praktiker:innen mit ihren Erfahrungen führen. 

    Beiträge für das Symposium können sich an den folgenden Themen und Fragen orientieren:

    • Ist die Tanzgeschichte ‚westlich‘ dominiert? Wie können Narrative und Prozesse der Tanzgeschichte aussehen, die den Körper und sein Gedächtnis in ihren Fokus stellen? Wird Tanzgeschichte aus der Perspektive eines White Privilege produziert und geschrieben? Welche/Wessen Geschichten werden nicht erzählt oder bleiben im Verborgenen? Wie können alternative Geschichten aussehen, die nicht von einem akademischen Diskurs geschrieben, sondern aus der Perspektive der Praxis produziert werden? Wie untersucht man Dynamiken von Diversität und Diskriminierung, die in einem Deutschen oder Europäischen Tanzarchiv aufbewahrt und reproduziert werden, aber nicht immer unmittelbar sichtbar sind?
    • Der Tanzkörper: Wie können wir unser Wissen vom Tanzkörper und die Art und Weise, wie dieses Wissen weitergegeben wird, dekolonisieren? Und wie steht es mit unserem Wissen über physische Fähigkeiten und ‚Befähigung‘? Wie können wir unser Denken über den Tanz und unser Verständnis davon, wie man tanzen sollte, dekolonisieren? Welche Rolle spielen in diesem Kontext Kategorien wie kulturell geprägte Tänze, Folklore, Zeitgenössischer Tanz, Street/Urban Dance, Gesellschaftstanz? Wie werden diese künstlerischen Formen diskriminiert, und mit ihnen der tanzende Körper, der sie produziert? Wie adressieren wir Fragen von Sichtbarkeit und Repräsentation? An welchen Stellen hat die Pandemie Diskriminierungen verschärft und gleichzeitig Bewegung sowie das Gefühl für die Räume, in denen wir uns bewegen eingeschränkt und damit auch Emotionalität, Empathie und Kompetenzen für Zusammengehörigkeit verringert? 
    • Innovative Ideen und Zugänge zur Frage wie Tanzausbildung und -pädagogik dekolonisiert werden können sind gefragt. Was meint in diesem Kontext (Aus)Bildung im Tanz überhaupt? Wie sehen Praktiken und Institutionen des Wissensaustauschs und -transfers jenseits von Hierarchie, Rassismus und Spaltung aus? Wie können die Tanzausbildung und speziell Tanz für Kinder neu gedacht werden? Wie können experimentelle und künstlerische Erfahrungen mit Tanz- und Körpergedächtnissen in die Weitergabe von Wissen über Tanzgeschichte integriert werden? Welches Potential besteht darin, Prozesse des Lernens und des Austauschs zu dezentralisieren? An welcher Zukunft wollen wir arbeiten und wie brechen wir dafür die Dynamiken von Diskriminierung und strukturellen Ausschlüssen auf?

     

  • Kurator:innen

    Kurator:innen

     

    Nora Amin  (Hauptkuratorin)
    Performerin, Choreografin, Autorin, Theaterregisseurin und Wissenschaftlerin, Forscherin und Dozentin.

    Nora Armin ist Stipendiatin des Zentrums für Theater der Unterdrückten (Brasilien, 2003) sowie Gründerin der Lamusica Independent Theatre Group (Ägypten, 2000), in der sie 40 Aufführungen von Tanz, Theater und Musik choreografierte, inszenierte und produzierte. Zudem gründete sie das landesweite ägyptische Projekt für Theater der Unterdrückten und seines arabischen Netzwerks im Libanon, Sudan und Marokko. Sie ist Stipendiatin der Akademie der Künste der Welt (Köln, 2015), Stipendiatin des Internationalen Forschungszentrums „Interweaving Performance Cultures“ (FU, 2015-2016), Valeska-Gert-Gastprofessorin für Tanzwissenschaften (FU, 2018), Gastdozentin am Zentrum für Zeitgenössischen Tanz, der Hochschule für Musik und Tanz (Köln, 2020), Workshop-Leiterin an der Tanzfabrik Berlin (2019-2021), an der Berlin Mondiale (Wasserwerk-Programm, 2020-2021) und Mentorin am PAP (Performing Arts Programm / LAFT Berlin) sowie am flausen+ Bundesnetzwerk-Programm. Ihr jüngstes Buch ist „Tanz der Verfolgten“, eine feministische Perspektive auf die Geschichte des Baladi-Tanzes in Ägypten, die Kolonialität mit Patriarchat und Kapitalismus verbindet und von MSB Matthes & Seitz, 2021, veröffentlicht wurde.

     

    David Kono
    Schauspieler, Performer, Tänzer – Dortmund, Deutschland
    Teilnehmer Internationales Forum 2019
    David Guy Kono wurde in Douala geboren. Nach dem Abschluss seiner Ausbildung zum Schauspieler, Tänzer und Marionettenspieler im Jahr 2005 wurde Kono 2009 als bester Schauspieler im Rahmen des Festivals Théâtrallemand Vôtre ausgezeichnet. Mit kainkollektiv aus Bochum arbeitete Kono in Stücken wie „Fin de Mission“, das den kolonialen Spuren Europas nachging. Kono entwickelte 2015 die Performance „no title“ im Rahmen des Programms „The Incantation of the Disquieting Muse“ des SAVVY Contemporary in Berlin, die sich mit verschiedenen Perspektiven auf den Körper und die Unsichtbarmachung der Seele beschäftigte. 2017 konzipierte Kono im Rahmen des Musrara Mix Festivals in Jerusalem die Performance „Lah Kâm“, die das Spannungsverhältnis zwischen einem Innen und einem Außen thematisierte. Im Rahmen des Theaterfestivals FAVORITEN in Dortmund entwickelte Kono in Kooperation mit Antoine Effroy die Performance „tchâ. sol. Boden“, in der er der historischen Parallelität von Reichtum und Ausbeutung nachging. 2018 wurde David Guy Kono mit dem Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen für junge Künstlerinnen und Künstler ausgezeichnet.

     

    Mey Seifan
    Choreographin, Dozentin, Kulturmanagerin und Aktivistin

    Die syrische Choreographin und Performerin beschäftigt sich seit einigen Jahren mit den Möglichkeiten, Proteste physisch auszudrücken – Körper und Protest in einen Dialog treten zu lassen. Sie erforscht die bewusste und unbewusste Ebene sowie den möglichen Raum dazwischen. 2011 rief sie das „Syrian Dreams Projekt“ ins Leben, in dem sie Träume syrischer Bürger aus der Revolutionszeit archiviert. Seitdem basieren ihre Projekte auf diesem Archiv und den Fragen, die sich daran anschließen. Mey Seifan entwickelte ein Performance-Konzept, das auf Feldstudien und akademisch-künstlerischen Studien zu den Themen „Traum, Luzides Träumen und Traum nach Traumata“ basiert. Dieses setzte sie in ihrer Trilogie „Zerstörung für Anfänger“ sowie in die Installation und Performance „Siesta“ um.

    Mey Seifan absolvierte nach langjähriger Ballettausbildung in Damaskus ein Tanzstudium an der Frankfurter Hochschule für Darstellende Kunst. Danach arbeitete sie sowohl in Deutschland als auch in Syrien, wo sie die Company Tanween gründete und die „Damascus Contemporary Dance Platform“ am Opernhaus Damaskus ins Leben rief. Danach studierte sie Theaterwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Neben ihren choreographischen und pädagogischen Tätigkeiten sammelte sie auch langjährige Erfahrung im Kulturmanagement und leitete einige internationale Projekte, unter anderem am Goethe-Institut Damaskus. Zudem arbeitet sie als Dozentin und Beraterin und war Mitglied mehrerer Jurys für Theater und Tanzprojekte in den arabischen Ländern. Mey Seifan ist politisch und feministisch aktiv. Sie ist Geschäftsführerin des NESWA. e.V., den sie 2018 mitgründete. 
    Seit 2011 lebt sie wieder in Deutschland.

     

  • Programm

    Programm

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SYMPOSIUM

Begleitend zur Preisverleihung findet seit 2018 jährlich ein begleitendes Symposium statt, das aktuelle gesellschaftliche und (kultur-)politische Fragen in den Fokus stellt. Unter dem Titel POSITIONEN:TANZ diskutieren Tanzschaffende in Gesprächsrunden, auf Panels und in Workshops.

POSITIONEN:TANZ#1 Die Zukunft des Tanzes – Künstler*innen, Kollektive, Kooperationen (2018)
Hier finden Sie den Flyer des Symposiums 2018.

POSITIONEN:TANZ#2 Ethik (2019)
Hier finden Sie den Flyer des Symposiums 2019.

POSITIONEN:TANZ#3 Bedingungen – Qualitäten künstlerischer Arbeitsweisen und Arbeitsbedingungen (2020)
Hier finden Sie den Flyer des Symposiums 2020.
Hier finden Sie die Dokumentation des Symposiums 2020 als PDF.

 

Dokumentation der Symposien 2018 – 2020

Seit 2018 lädt der DTD nach Essen zum Symposium POSITIONEN: TANZ ein, jeweils im Rahmen der Verleihung des deutschen Tanzpreises. 

Mit den Symposien setzen wir aktuelle Themen der Tanzszene ins Zentrum, geben Raum für Perspektiven und Positionen. Tanzschaffende ergreifen das Wort, um über ihre Arbeitssituation, über künstlerische und kulturpolitische Ziele zu diskutieren, aus denen Forderungen und Arbeitsaufgaben erarbeitet werden. Für den Dachverband sind die Symposien ein wichtiges zentrales Forum, um als kompetenter Partner für die Tanzszene die kulturpolitische Agenda zu schärfen. 

Drei Editionen von POSITIONEN: TANZ wurden bis jetzt realisiert: #1 Zukunft des Tanzes, #2 Ethik im Tanz, #3 Bedingungen im Tanz.

Dokumentation der Symposien 2018 – 2020